Russland
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Eyes wide open

Viele deutsche Unternehmen empfinden Russland zwar als schwierigen aber immer noch attraktiven Markt. Neben den Hindernissen von Markteintritt sowie Führung des Geschäftes wird immer auch Korruption genannt. Zur Beruhigung sei gesagt, dass Korruption auch für die russischen Geschäftsleute selbst hinderlich ist.

Dabei ist die Korruption durch Amtsträger oft nicht das eigentliche Problem. Denn diese nimmt in dem Maße ab, in dem das Investitionsgewicht einer Firma zunimmt. Denn dann besitzt eine solche Firma den Rückhalt der zentralen Regierung und auch lokale Regierungen begrüßen jede Investition in den Regionen, die neue Arbeitsplätze schafft und zum lokalen Prestige beiträgt. Die größeren Probleme sind dagegen unternehmensinterner Betrug und Korruption. Ich möchte daher anhand von Beispielen zeigen, warum Compliance und die interne Ermittlungsabteilung in der Bekämpfung und Prävention von Betrug und Korruption eine immer wichtigere Rolle spielen.

Wie an Geld kommen?

Die größte Herausforderung besteht darin, wie die verhängten Strafmaßnahmen, wie beispielsweise bei Schadensansprüchen, vollstreckt werden sollen. Nicht jedes Unternehmen in Russland hat Interesse daran, freiwillig staatliche Behörden an interne Geschäftsinformationen heranzulassen. Dabei ist man als interner Ermittler selbst mit dem Dilemma konfrontiert, einerseits einen Betrüger effizient und effektiv rechtlich zu verfolgen und andererseits dabei so wenig wie möglich die Behörden zu involvieren. Das ist übrigens auch die Erklärung dafür, warum in Russland die Einstellung von ehemaligen Polizei- und Sicherheitsbeamten als Sicherheits- und Ermittlungspersonal so beliebt sind. Denn solche Mitarbeiter pflegen meistens ihre Kontakte mit noch amtierenden Kollegen und können effektiv und diskret nach Unterstützung suchen. In Russland kommen auf 140 Millionen Einwohner ca. 6 Millionen Angestellte im Bereich Polizei, Sicherheit oder Fiskus – da sind solche Konstellation nicht überraschend.

Schema: immer einfacher

Betrugs- und Korruptionsschemas im Handel haben sich in Russland in den letzten Jahrzehnten, was ihre Methoden anbetrifft, vereinfacht. Dafür sind sie aber in ihrem Ausmaß viel größer geworden und haben sich weit verbreitet. Zu dieser Entwicklung hat der Umstand geführt, dass es immer seltener zu einer Bestrafung kommt, daher wird auch immer weniger Mühe in die „Qualität“ einer Straftat investiert. Das wurde durch die sinkende Professionalität der Behörden und die mangelhafte Vollstreckung von Strafmaßnahmen verursacht.

Das Kriterium, an welcher Stelle in der operativen Tätigkeit im Handel Korruptionsrisiken auftreten können, ist ziemlich einfach: überall dort, wo Mitarbeiter Entscheidung über Geldflüsse und direkten Kontakt zu Geschäftspartnern haben. Das Risiko steigt noch mehr, wenn dabei die Kontrollen schwach sind. Die meisten Verluste entstehen dem Unternehmen durch illegale Rückzahlungen, die so genannte Kick Backs: Zum Beispiel, wenn ein Einkaufsmitarbeiter mit einem Lieferanten einen zu hohen Einkaufspreis vereinbart und dabei einen Teil vom höheren Preis zurück erhält. Die Form der Rückzahlung kann ganz unterschiedlich sein – sie reicht von durch den Lieferanten gezahlten Urlaub des Mitarbeiters bis hin zu Bargeld und Immobilien. Meistens sind die Wege des Geldes recht kurz. Es gibt aber Fälle, wo das Geld über Offshore Firmen des Lieferanten an die nur indirekt mit dem Entscheidungsträger im Unternehmen verbundenen Firmen im Ausland überwiesen wird.

Die Kette ist dabei komplex und wird in jeder Stufe mit juristischen Maßnahmen, wie fiktiven Dienstleistungsverträgen und Scheinrechnungen verdeckt. Je höher dabei das Level des Managers ist, desto mehr wird in die Schutzmaßnahmen investiert – denn schließlich muss auch das Korruptionsgeschäft wirtschaftlich bleiben. Inoffiziell beträgt die Rückzahlungsmarge in Russland je nach Branche 10 Prozent vom Vertragspreis aufwärts. Es ist sozusagen Verhandlungssache und von der Marge des jeweiligen Produktes abhängig. Allerdings ist die „Rentabilität“ einer Bestechung meist kalkulierbar. Interessant dabei ist ein Moment: Sobald die Forderung nach einer Bestechung diese Rentabilitätsgrenze überschreitet, entsteht ein Konflikt. Und genau an diesem Punkt ist die Wahrscheinlichkeit recht groß, dass der Lieferant sehr geneigt ist, das bei der internen Revision zu melden.

Handel ist nicht immer nur Wareneinkauf oder Verkauf. Bei Grundstückkäufen für neue Märkte oder bei der Errichtung von neuen Filialen kann auch viel passieren. In Betracht kommen mögliche Manipulationen durch Verkäufer bei der Bewertung und der Schätzung des Potenzials jeweiliger Grundstücke. Das hat langfristig Auswirkungen auf das gesamte Geschäft auf der jeweiligen Verkaufsfläche. Dadurch ist die Auswirkung von Korruption nicht etwas, was nur einmal passiert, sondern es schadet dem Geschäft auf Dauer und der Schaden multipliziert sich sogar mit der Zeit.

Zum Beispiel beim Bau eines Marktes sollte man ganz besonders auf die Abrechnung von Bauleistungen achten. Es könnte sich dabei um manipulierte Baukalkulationen handeln, aber auch um gefälschte Leistungsabnahmen von fertigen Werken und Scheinrechnungen.

Ein anderes Beispiel sind die Interessenkonflikte, die in Russland recht verbreitet sind. Dabei vergeben die verantwortlichen Mitarbeiter Aufträge an Firmen, die auf irgendeine Weise mit ihnen in Verbindung stehen, und sie profitieren davon.

Was dagegen tun?

Ein effektives Mittel im Kampf gegen die unternehmensinterne Korruption in Russland ist es, bei der Vergabe von Aufträgen auf eine sorgfältig organisierte Ausschreibung zu achten. Besonders wichtig dabei ist, dass dieser Prozess durch eine unabhängige interne Aufsicht begleitet wird. Hier kommen Compliance und interne Ermittlung ins Spiel, denn viel zu oft wird vergessen, dass sie zu den Unternehmenszielen wirtschaftlich beitragen können und müssen. Es ist zwar nicht einfach, den monetären Effekt aus den präventiven Maßnahmen zu kalkulieren. Als Vergleichsbasis kann allerdings die „like for like“ Analyse genutzt werden. Wenn die Ermittler effektiv dazu beitragen, den durch die Korruption oder Betrug entstandenen Schaden im Wege der Schadensersatzmaßnahmen zu kompensieren, dann ist die wirtschaftliche Effizienz der Arbeit durchaus offensichtlich. Leider wird viel zu oft vergessen, den ökonomischen Wert der Arbeit der Compliance-Abteilung und der internen Ermittlungsabteilung für das Unternehmen aufzuzeigen.

Durch angepassten Due-Diligence-Maßnahmen, wie zum Beispiel Lieferanten-Screening und unabhängige Bauaufsicht, lässt sich das Risiko unter Kontrolle zu halten.

Zur Aufdeckung eines Betrugs kommt es durch reguläre Prüfungen, Meldungen von Mitarbeitern und Lieferanten oder präventive Maßnahmen einer Fachabteilung, wie Compliance oder Sicherheit. Doch manchmal reicht es völlig aus, wenn man beobachtet, welche Mitarbeiter mit übermäßig teuren Fahrzeugen morgens zur Arbeit kommen. Die Unverhältnismäßigkeit zwischen Arbeitslohn und Ausgaben ist ein aussagekräftiger Indikator. Die meisten Schmiergelder auf dieser Ebene werden immer noch für Fahrzeuge, Immobilien und Reisen ausgegeben. Der „Teufel“ aber steckt immer in Beweisen dessen, wodurch das Schmiergeld erwirtschaftet wurde.

Außerdem muss eine vorsätzliche Korruptionstat sauber von „Missmanagement“ und „Fehler“ im Betrieb getrennt werden. Denn jeder Betrüger greift gegenüber Interner Revision gerne auf diese Argumentation zurück, sobald ihm Lücken in der Beweislage klar werden. In Russland enden solche internen Ermittlungen meistens in einer Kündigung des Mitarbeiters im Einvernehmen mit dem Arbeitgeber. Viele Firmen trauen sich nicht, die Strafbehörden über Betrugsfälle zu informieren. Mittlerweile ermöglicht in Russland ein Gesetz, den Betrüger außergerichtlich zum Schadersatz zu zwingen. Nach §23 Strafprozessordnung der Russischen Föderation kann das Unternehmen selbst entscheiden, ob es eine Strafanzeige stellen will, sofern der Schaden ausschließlich der Firma zugefügt wurde. Das wird oft als Argument gegenüber den Mitarbeitern verwendet, um sie von der Kooperation mit internen Ermittlern zu „überzeugen“.

Auch wenn man eine Strafanzeige stellt – es kostet sehr viel Mühe, eine Behörde effizient einzuschließen. Oft sind die Behörden sehr passiv, sobald sie feststellen, dass sie die Beweise für eine Straftat noch selbst erarbeiten müssen. Ein Diebstahl im Markt in Höhe von 10 Euro lässt sich viel einfacher durch Behörden ermitteln als einen White-Collar-Betrüger wegen mehreren Tausend Euro rechtlich zu verfolgen.

Nicht selten melden sich Geschäftspartner als zahlungsunfähig und ziehen zum Schiedsrichter, um die Strafverfolgung zu vermeiden. es funktioniert wie folgt. Ein Geschäftspartner bezieht Güter ohne Vorauszahlung, verkauft sie weiter mit Gewinn. Anstatt Geld an den Lieferanten zu überweisen meldet er sich als zahlungsunfähig. Aller Anforderungen des Lieferanten legt der Betrüger den Schiedsrichtern vor. Diese legen Straftatbestände aber nur als Vertragsverletzung ohne direkte Absicht aus. Dann kommt noch hinzu, dass man im Anschluß recht lange auf die Urteilsverkündigung warten muss.

In solcher Situation zahlen sich präventive Maßnahmen aus. In Russland ist es daher viel effizienter, ein Warnungs-Risikomanagement und Compliance System einzurichten, als den rechtlichen Kampf gegen Betrüger durchzustehen. Insofern beginnt die Prävention schon beim Geschäftspartner-Screening.

Die Betrüger sind oft perfekt ausgebildet und sehr intelligent. Sobald die Firma eine Kontrolllücke offen lässt, wird es sofort genutzt. Die meisten Täter, die ich erlebt habe, dachten auch unternehmerisch, leider zum Nachteil der Firma. Um ihr Potenzial und ihre Kreativität aus den illegalen in die legalen Kanäle zum Wohle der Firma zu leiten, sollte man auf sinnvolle Belohnungssysteme umstellen, die mit Faktoren wie zum Beispiel KPIs und Bonusziele verbunden sind. Damit würde man die Interessen der Firma mit denen der Mitarbeiter in Einklang bringen. Denn die besten Kontrollen und Einschränkungen sind nur dann effektiv, wenn sie die Interessen aller Parteien berücksichtigen.

 

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