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Compliance Management

Technische Compliance als Schlüssel zur Effizienz

Die noch zu steigernde Effizienz bei der Realisierung von Anlagenbauprojekten in Deutschland und im Ausland ist heute eines der wichtigsten Themen der Branche. Die wachsende Konkurrenz aus Asien, die zunehmenden Sicherheitsanforderungen, die durch die Globalisierung steigende Geografie der Lieferanten, eine Menge von gesetzlichen Auflagen und normativ-rechtlichen Anforderungen und somit immer komplexere Projekte fordern nach neuen Ansätzen und Herangehensweisen.

Auf vielen Veranstaltungen zu Projektmanagement und Anlagenbau wird über die hartnäckigen Schwachstellen bei der Realisierung von Großprojekten – Zeit- und Budgetüberschreitung – auf der Bühne und in den Pausen debattiert.

Für den ständigen Zeitmangel sowie für die immer weiter ansteigenden Kosten in allen Projektphasen werden verschiedene Ursachen genannt: unterschiedliche Anforderungen der Behörden nicht nur auf dem internationalen Niveau, sondern auch innerhalb der EU, bürokratische Vorgänge bei Genehmigungsverfahren, komplizierte Verzollungsvorgänge, unvollständige oder fehlerhafte Lieferantendokumentation, unterschiedliches Verständnis bestimmter Sachverhalte im Vertrag durch diverse Parteien und stetig ändernder Umfang der Leistungen, der sich aus nicht präzise definierter Aufgabenstellung ergibt.

Mangelnde Kenntnisse

Diese Gründe sind aber eigentlich ein Ergebnis falsch laufender Vorgänge. Denn wenn man allen diesen Erklärungen auf den Grund geht, findet man die einzig wahre Ursache für die Probleme: mangelnde Kenntnisse der gesetzlichen und normativen Anforderungen des Ziellandes. Diesem kann man durch die geschickte und umfassende Technische Compliance-Strategie in einzelnen Unternehmen und in Projekten selbst entgegenwirken.

Das Thema Compliance ist noch nicht in allen Industrieunternehmen ein fester Bestandteil der Managementform. Während zu den klassischen Inhalten einer branchenübergreifenden Compliance solche Themen wie Korruption, Geldwäsche, Untreue, Betrug und kartellwidrige Absprachen gehören, entwickelt sich gerade für technisch orientierte Unternehmen ein neues Bezugsfeld auf dem Compliance-Gebiet, das zwar keine neue Erscheinung ist, aber in diesem „neuen Licht“ verstärkt Beachtung findet: Umwelt-, Brand-, Explosions-, Arbeitsschutz und Anlagensicherheit, die sich in technischen Normen und Gesetzen widerspiegeln.

In der Welt des global geprägten Anlagenbaus sind diese Themen zu hochkomplexen Gebilden geworden: Es geht nicht nur um die Konformität der zu liefernden Ausrüstung mit den im Zielland geltenden Regelwerken (Maschinen-RL, Druckgeräte-RL, EMV, Niederspannung usw.), sondern um die Beachtung zahlreicher spezifischer Vorschriften der jeweiligen Regionen (z.B. zu Industriesicherheit), die Bereitschaft, sich mit diesen auseinanderzusetzen und diese einzuhalten, und um die Akzeptanz anderer Vorgehensweisen.

  • Die Identifikation und Umsetzung der relevanten Vorschriften beginnt für einen Anlagenbauer noch vor dem Bau eines Objektes, vor der Lieferung der Ausrüstung, vor der Projektierung und sogar vor der Vertragsunterzeichnung. Bereits bei den Ausschreibungen müssen zahlreiche Anforderungen eines Landes für die Erbringung diverser Leistungen an das Unternehmen und seine Mitarbeiter erfüllt werden. So müssen Unternehmen ihre Tätigkeit in einigen Ländern lizenzieren oder in einer anderen Form, wie der Mitgliedschaft in selbstregulierenden Organisationen (z.B. in Russland), genehmigen lassen, ihre Mitarbeiter nach den im Zielland herrschenden Anforderungen qualifizieren und die eigentliche Tätigkeit im Zielland versichern lassen.
  • Auch bei der Projektierung der Anlagen sind zahlreiche Anforderungen zu berücksichtigen, die von verschiedenen Faktoren abhängig sind: geografische Lage in Form von klimatischen oder geologischen Bedingungen, Gegebenheiten vor Ort, Möglichkeit der Nutzung der vorhandenen Infrastruktur, Gefahrenstufe der Anlagenart. Während im Lebensmittel- und Pharmabereich Hygienevorschriften eine maßgebende Rolle spielen, sind die Fragen des Brand- und Explosionsschutzes sowie umwelttechnische Aspekte in chemischen oder erdölverarbeitenden Anlagen von besonderer Bedeutung. Die regelkonforme Planung, die als Grundlage für die Baugenehmigung gilt, erfordert Kenntnisse dieser Besonderheiten, die in diversen Vorschriften festgehalten sind.
  • Die Zulieferer eines Anlagenbauunternehmens sind so zu managen, dass jegliche Ausrüstung mit den im Zielland herrschenden Anforderungen an Projektierung, Herstellung und Abnahmen konform und nach geltenden Regelwerken und Standards zugelassen ist und dass die Dokumentation vom Inhalt und vom Umfang her den gesetzlichen und normativen Ansprüchen entspricht. Dies sind die Voraussetzungen für die erfolgreiche und korrekte Abnahme der Anlagen durch Kunden und Behörden.

Somit werden Anlagenbauprojekte auf unterschiedlichen Etappen ihrer Entstehung und Verwirklichung von zahlreichen normativ-rechtlichen Dokumenten begleitet. Diese müssen zuerst identifiziert, beschafft und den betreffenden Parteien entsprechend vermittelt und dann im Laufe des Projektes auf ihre Einhaltung überwacht werden. Erst dadurch werden Verzögerungen bei Inbetriebnahmen, erhöhte Kosten für nicht beachtete Zwischenschritte oder kostspielige Änderungen in einer späten Projektphase vermieden.

Forderung nach neuen Strategien

Compliance mit normativ-rechtlichen Anforderungen des Ziellandes betrifft die komplette Unternehmens- und Projektabwicklungsstruktur sowie alle Geschäftsparteien und ist als Bestandteil der Unternehmenskultur zu sehen. Die Vielzahl an Tätigkeitsfeldern und Prozessen, die durch diverse Vorschriften, Gesetze, Regierungsbeschlüsse und Behördenerlässe beeinflusst werden, fordert einen neuen Fachbereich für solche Aktivitäten im Projekt, der die Strukturen und Inhalte des Qualitäts-, Wissens- und Projektmanagements aufweist und juristische, technische und wirtschaftliche Standpunkte verknüpft. Dies ermöglicht erst eine „Technische Compliance“, die zu den Schlüsselqualifikationen für die erfolgreiche Projektabwicklung gehört. Die Identifikation und aktive Gestaltung dieses selbstständigen und viele Gebiete und Bereiche betreffenden Tätigkeitsfeldes ist ein Teil der ganzheitlichen Compliance-Strategie, die eine effiziente Umsetzung der Thematik in der Wirtschaft gewährleistet und eine neue Wahrnehmung der Projektrealisierungsprozesse im Großanlagenbau fordert.

 

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