Foto: Thinkstock / Tryaging
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Compliance Management

Zum Stand der Trade Compliance in Europa

Amber Road, einer der führenden Anbieter von Global Trade Management (GTM)-Lösungen, hat 2015/2016 bei 450 Unternehmen in sechs europäischen Ländern eine Umfrage zu den Themenbereichen betriebsinterne Trade-Compliance-Programme, Stand der Automatisierung, Gründe für die schleppende Digitalisierung, Ausmaß von abgestraften Regelverstößen und Sicherheitszertifizierungen durchgeführt. Die Studie wirft ein Schlaglicht auf Stärken und Schwächen auf nationaler und internationaler Ebene. Sie zeigt, wo Unternehmen mit der neuen digitalen Welt immer noch fremdeln, wo Verbesserungspotenziale bestehen beziehungsweise wo Risiken in Wettbewerbsvorteile verwandelt werden sollten.

Die Ergebnisse der Umfrage unterstreichen, dass Trade Compliance in den meisten international tätigen Großunternehmen und bei Herstellern von Dual-Use-Gütern heute als Managementaufgabe voll anerkannt ist. Internationale Handelsgeschäfte bergen zusätzliche und größere Risiken als Inlandsgeschäfte. Viele kleine und mittelständische Firmen sind sich dieser Risiken aber immer noch nicht genügend bewusst. Sie betreiben daher kein proaktives Risikomanagement oder sie nehmen Handelsrisiken bewusst in Kauf beziehungsweise tätigen nicht die notwendigen IT-Investitionen.

Dabei stehen kosteneffiziente Softwarelösungen zur Verfügung, die Firmen unterstützen, auch bei großen Handelsvolumen Außenhandels-, Zoll- und Sicherheitsvorschriften konsequent einzuhalten. Sie steigern die Kosteneffizienz, Prozesssicherheit und senken das Risiko von Strafen. Das Gesetz des abnehmenden Grenznutzens und der Low-hanging-fruit Effekt führen zum Schluss, dass die automatische Prüfung aller direkten und indirekten Geschäftspartner der erste wirksame Schritt ist, um Rechtskonformität im Außenhandel sicher zu stellen. Ein weiterer wichtiger Hebel ist die IT-gestützte Produktklassifizierung.

Deutschland Top

Deutschland ist nicht nur Europas Exportweltmeister, seine Außenhandelsfirmen verfügen auch über ein hohes Rechts- und Sicherheitsbewusstsein. Fast 80 Prozent der befragten Unternehmen verfügen über eine zentrale Compliance-Organisation. 56 Prozent aller Umfrageteilnehmer waren bereits AEO zertifiziert und weitere 10 Prozent streben eine solche Zertifizierung an. Damit waren in Deutschland doppelt so viele Firmen AEO zertifiziert wie zum Beispiel in Frankreich. Der Anteil AEO zertifizierter Unternehmen liegt bei den Befragten aus Großbritannien, Irland und der Schweiz weit darunter.

Deutschland ist auch führend bei der Automatisierung des Trade Compliance Managements. 68 Prozent der Befragten setzen  Softwarelösungen für Sanktionslistenprüfungen (Restricted Party Screening), 70 Prozent für das Erstellen von Exportdokumenten und Rechnungen, 31 Prozent für die Produktklassifizierung/-tarifierung und 27 Prozent für das Management von Präferenz- und Freihandelsabkommen ein. 30 Prozent der befragten Unternehmen planen zusätzliche Investitionen im Bereich Trade-Compliance-Management, um Schwachstellen zu beheben und/oder zusätzliche Bereiche zu automatisieren. Dabei verzögern sich solche Projekte nicht nur aufgrund fehlender Budgets, sondern auch häufig wegen Personalmangel.

Viel Improvisation

In den Benelux-Ländern verfügten zwar 50 Prozent der Studienteilnehmer über einen dokumentierten Export –Compliance-Prozess, aber bei nur wenigen ist dieser IT unterstützt, obwohl der Wunsch nach Softwarelösungen groß ist. Auch in Frankreich ist die manuelle Abwicklung von Trade-Compliance-Prozessen noch weit verbreitet. Nur 30 Prozent der befragten Firmen arbeiten mit einer Software. Es wird viel improvisiert, obwohl 15 Prozent der Studienteilnehmer bereits verwarnt oder mit Strafen belegt wurden. Auch in Großbritannien dümpelt die Automatisierung im Trade-Compliance-Management auf niedrigem Niveau. Selbst beim Sanktionslistenscreening arbeiten nur 25,5 Prozent mit einer entsprechenden Software. In der Schweiz nutzen immerhin 45 Prozent der Firmen eine solche. Aber auch hier gibt es noch Nachholbedarf bei der Automatisierung anderer Trade-Compliance-Aspekte.

Agieren statt Reagieren

Welche Schlüsse lassen sich für Unternehmen in Deutschland aus dieser Studie ziehen? Industrie und Handel sind zwar gut aufgestellt, dürfen sich aber nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen. Die Automatisierung von Trade-Compliance-Prozessen sollte Teil jeder Industrie 4.0 Strategie sein. Insbesondere in den Bereichen Produktklassifizierung und -tarifierung sowie dem Management von Lieferanten- und Ursprungserklärungen und dem Ausschöpfen der Vorteile von Präferenzabkommen gibt es noch viel Nachholbedarf. Für einen Einstieg in die Automatisierung von Trade-Compliance-Prozessen bietet sich das Sanktionslistenscreening an, da es die AEO-Zertifizierung und Re-Zertifizierung wirksam unterstützt. Der Anteil so genannter Digital Natives an der arbeitenden Bevölkerung wird in den nächsten Jahren rasant ansteigen. Dies sollte die Automatisierung aller Trade-Compliance-Prozesse weiter vorantreiben.

Rund 10 bis 15 Prozent der Befragten sind in Firmen tätig, die bereits mit Strafen oder Verwarnungen wegen Non-Compliance belegt wurden. Eine Vielzahl medienwirksamer Strafverfahren in den letzten Jahren zeigt, dass vermehrt auch kleine und mittlere Unternehmen in den Fokus der Ermittlungsbehörden geraten und dieser Trend setzt sich fort. Die betreffenden Untersuchungen endeten häufig mit der Verhängung einer nicht unerheblichen Geldbuße. Amber Road geht davon aus, dass dies die Bereitschaft zu Investitionen in GTM-Lösungen 2017 weiter unterstützen wird.

Die Studie ist hier erhältlich.

 

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