Foto: istock/cacaroot
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Studie

Wie die Telekom ihre Compliance-Risiken erkennen will

Es scheint so einfach, dass selbst die Kinder in der Sesamstraße es besingen: „Wieso, weshalb, warum – wer nicht fragt bleibt dumm.“ Aber ist es auch immer noch so einfach, wenn man dem Kindesalter entwachsen ist und im engen Korsett des Arbeitsalltag steckt, mit all seinen Regeln, Verhaltensmustern, Anforderungen und Erwartungen? Oder gibt es dieses Korsett überhaupt nicht und es existiert nur im eigenen Kopf-Kino? Und wenn doch, wie kann man es ablegen? Ohne Hilfestellung und Orientierung geht es offensichtlich in dieser komplexen Arbeitswelt nicht. Sonst hätte es in den jüngst vergangenen Jahren bei diversen DAX-Konzernen nicht zu Compliance-Skandalen kommen können, die nicht nur Reputation sondern auch den Geschäftserfolg gefährdeten – obwohl alle ein zertifiziertes Compliance Management System hatten und haben. Das alleine scheint also Gesetzes- und Regelbrüche nicht zu verhindern, aufzuklären und zu ahnden.

Die Preisfrage ist also, was Compliance darüber hinaus braucht, was ist dieses gewisse „Mehr“? Ein Patentrezept gibt es dafür natürlich nicht, sondern eher genauso viele Glaubensbekenntnisse wie Unternehmen. Denn eines scheint klar zu sein: auch wenn alle die gleiche Frage umtreibt, die Lösungsansätze sind so individuell wie jedes Unternehmen selbst. Die Telekom nimmt das Kinderlied der Sesamstraße  wörtlich und „fragt“. Unvoreingenommen, frank und frei. Wir nähern uns dieser Frage, indem wir zunächst mehr über uns selbst erfahren wollen – und das nicht im dunklen Kämmerlein sondern offen, transparent – wir lassen uns also in die Karten gucken.

Eine Haltung, die man nicht so einfach ablegt

Was heißt das konkret? Wir werden unsere Unternehmenskultur untersuchen und die sicherlich vorhandenen unterschiedlichen Wahrnehmungen übereinander legen. Wie ist das eigene Selbstbild, wie das Fremdbild, wie werden Vorbilder gesehen und welches eigene Verhalten liegt vor? Entscheidend ist letztlich eine Unternehmenskultur, in der alle Mitarbeiter Fehlverhalten offen ansprechen können. Wir möchten ergründen, was Integrität ist, wie Widerspruchskultur verstanden wird und wie beides im Berufsalltag gelebt wird. Für das Unternehmen ist dies wichtig, um Compliance-Risiken zu minimieren und eine klare Haltung bei Beschäftigten im Alltag zu fördern. Compliance ist also im besten Fall eine Haltung. Und eine Haltung legt man nicht einfach ab, sie gilt immer und überall, also grundsätzlich und auch für unsere Mitarbeiter in Europa und den USA.

Durch einen Dreiklang aus wissenschaftlicher Studie, Expertenkreis und Mitarbeitermeinung soll die Unternehmenskultur objektiv analysiert und mögliche Ursachen für unethisches Verhalten – wie unklare Verantwortlichkeiten oder falsch verstandene Loyalität – ergründet und bewusst gemacht werden. Ziel ist, diese Ursachen zu adressieren und die Basis einer werteorientierten und Compliance-bewussten Unternehmenskultur zu stärken.

Vordergründig erscheint es klar, vielleicht sogar einfach, dass die Analyse und die Gestaltung der eigenen Unternehmenskultur eine wichtige Rolle spielt – häufig fehlen Unternehmen jedoch wirkungsvolle und handfeste Maßnahmen. In diesem Sinne wollen wir mit diesem Projekt auch ein stückweit Pionierarbeit leisten, um Compliance Management in Summe weiter voranzubringen. Mit einem Weißbuch wollen wir auch dazu beitragen, eine offene und öffentliche Diskussion zu führen, um auch anderen Unternehmen die Möglichkeit zu eröffnen aus unseren Erfahrungen Maßnahmen für ihr eigenes Unternehmen abzuleiten.

Ein möglichst realistisches Bild

Im Mittelpunkt unserer Erhebung steht die repräsentative Meinung unserer Beschäftigten: Durch die wissenschaftliche Befragungsmethode und anschließende Auswertung wird das Stimmungsbild und die Wahrnehmung der Beschäftigten abgefragt. Durch einen Methodenmix aus Einzelinterviews, Fokusgruppen und Online-Befragung soll die Wahrnehmung der Unternehmenskultur erfasst werden. So kann das tatsächliche Bild mit dem vorausgesetzten oder gewünschten abgeglichen werden, die Grundlage für mögliche Maßnahmen. Mit der European School of Management and Technologie und der Hertie School of Governance haben wir zwei namhafte Institute gewonnen, sich aktiv zu beteiligen. Zusätzlich werden führende Experten und Persönlichkeiten aus Politik, Lehre, Wirtschaft und unabhängigen Organisationen ihre Expertise auf dem Gebiet der ethisch und Compliance-gerechten Unternehmenskultur einbringen und das Ergebnis analysieren, um Verbesserungsvorschläge zu entwickeln.

Natürlich haben wir auch bisher schon die Unternehmenskultur im Blick gehabt und Umfragen zur Wahrnehmung von Compliance, Awarenessmaßnahmen oder Kampagnen durchgeführt – allerdings nicht in der Tiefe und Breite wie wir es mit dem Projekt „Transparente Unternehmenskultur“ vorhaben. Wir haben Respekt vor dieser Untersuchung, denn wir sind uns durchaus bewusst, dass die Ergebnisse der Untersuchung von unser wahrgenommenen Unternehmenskultur abweichen können. Und wir sind uns jetzt schon über eins sicher: Mögliche Maßnahmen werden nicht über Nacht Ergebnisse bringen – Kulturwandel braucht Jahre und Ausdauer. Wir sind gewillt beides zu schaffen.

 

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