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Karriere

Von ­„Commodity“ zum „Premium-­Professional“

Vor ein paar Wochen saß die Märchenerzählerin bei einem IT-GRC-Kongress in einer weitläufigen Kongresshalle und hatte einem IT-Guru zugehört, der auch unter Berufsbezeichnung „ehemaliger IBM Master-Inventor, Querdenker und Philosoph“ lief. Selbstredend war dieser IT-Guru ein Autist – oder haben Sie schon mal einen IT-Nerd getroffen, der nicht ein Autist war? Ein ordentlicher, aber nicht Klinik-relevanter, Autismus gehört in dieser Berufsgruppe zum guten Ton dazu, wie Wurst aufs Brot, sozusagen. Dieses Image wird von den ITlern selbst genüsslich gepflegt, weil Autisten oft eine einseitige Begabung haben, also so etwas wie Genies sind. Nur eben einseitig.

Jedenfalls ging das wie folgt weiter: Wie so oft, wenn man null Erwartung an etwas hat, harrt man einer angekündigten „Keynote“ mit dem Namen „Die Welt nach Cloud-Computing“ verhalten interessiert entgegen. Dann kommt ein Mann auf die Bühne, der einen richtig guten Vortrag hält, witzig, unterhaltsam, von dem die Märchenerzählerin gefühlte 70 Prozent nicht verstanden hat, weil er über IT ging. Aber die 30 Prozent, die für "Nicht-Autisten" zu verstehen waren, die hatten es in sich. Es ging darum, welche Berufe in der Zukunft verschwinden werden und warum. IT, künstliche Intelligenz und ähnlicher IT-Schnickschnack führt zum Berufswandel. Was geht mich das an, denken Sie? Dann lesen Sie erst einmal weiter:

Der Tod der einfachen Tätigkeit

Wenn es im Industrialisierungszeitalter den Beruf „Teiletauscher“ gab, dann wurde daraus in unserer Zeit „Mechaniker“ – die Umstände verlangen es aber vom Mechaniker, dass dieser sich – wenn er denn weiter Geld verdienen möchte – in Zukunft zum Mechatroniker entwickelt. Aus einem Heckenschneider soll auf Umwegen über den Beruf Gärtner ein zukünftiger Naturgestalter werden. Vom Anstreicher, über Maler zum Innendesigner. Und so weiter. Kurzum: Die Tendenz ist schon da, dass die Berufe sich von einem Angelernten Arbeiter zum Experten entwickeln. Und dieser Experte soll sich gefälligst in nahester Zukunft zu einem gestalterischen Professional mit Talent und Horizont“ entwickeln, zu einem Premium-Professional.

Dieser oben erwähnte IT-Guru heißt übrigens Gunter Dueck und hat viele sehr interessante Bücher geschrieben. Damit das, was ich oben versuche zu erklären, noch etwas klarer wird, zitiere ich aus seinem Buch „Professionelle Intelligenz. Worauf es morgen ankommt.“ Folgendes: „Der Bedarf nach unternehmerischen und kommunikativen Arbeitskräften steigt. Diese Professionals sind „alles“, also Verkäufer, Kommunikator, Manager, Controller und Innovater in einem. Sie arbeiten in vielen Projekten und verschiedenen Rollen mit, in manchen als Chef und in etlichen anderen als Teammitglied. …Die klassischen Tätigkeiten, bei denen etwas genau Definiertes und Verwaltetes und Gezähltes abgearbeitet wird, sind auch die klassischen Kandidaten für eine Rationalisierung, eine Industrialisierung und schließlich für die Automation. Die neuen Tätigkeiten schreiben keine Handgriffe vor, sondern sie verlangen Resultate – wie immer man die herbeischafft.“ Dueck nennt die Tätigkeiten, die bald automatisiert werden „Commodity“. Also Berufsgruppen, die „Vorgänge abarbeiten“, „Daten eingeben und Geräte bedienen“, „Auskunft geben“, „Wissen vortragen“, „Analysen und Tabellen erstellen“ und ähnliche Tätigkeiten tun, werden zu „Commodity“ und nutzlos.

Sie sind ein Experte? Das reicht nicht!

Einfach nur Experte für seinen Bereich sein, reicht also nicht. Wenn ich jetzt diesen Duktus der ITler auf Ihren Beruf übertrage, dann müssten Sie sich das anhören: Code of Conducts schreiben, Trainings machen, Intranet mit Informationen bestücken und Aufklärungsarbeit leisten – das kann zukünftig die IT für Sie übernehmen. Was können Sie noch, damit das Unternehmen an Ihnen trotzdem festhält?

Die Berufsausübung muss zukünftig „unternehmerhaft“ werden, um hier wieder Gunter Dueck zu zitieren. Die Menschen müssen sich also viel stärker um ihre professionelle Intelligenz Gedanken machen. Dueck zählt dazu die Begabung zur Bildung von Erstklassigem, die Begabung zum Gelingen, und vieles mehr. Und damit Sie wissen, welche Kompetenzen die Professionals der Zukunft haben sollen, darf ich Ihnen hier eine Liste aus Duecks Buch wiedergeben: Soziale Kompetenz, fachliche Kompetenz, Führungs- und Durchsetzungskompetenz, Methodenkompetenz, Selbst- und Persönlichkeitskompetenz, interkulturelle Kompetenz, interdisziplinäre Kompetenz, Lernkompetenz, analytische Kompetenz, konzeptionelle und kreative Kompetenz, aktive und passive Prozesskompetenz, Sprachkompetenz und Kompetenz der Körpersprache, mathematische Kompetenz, Internetkompetenz und Verkaufskompetenz.

Und nun gehen wir in uns und denken darüber nach, bis zu welchem Anteil wir diese Kompetenzen bereits haben und an welchen wir noch ordentlich arbeiten sollen.

Tun Sie das hier bitte nicht einfach ab. Ich hatte früher auch mein Teil à la „Ja, ja, bla, bla“ gedacht, wenn jemand Warnungen ausstieß, wie IT unser Leben revolutionieren wird.  Das wird so kommen. Das ist die Zukunft von uns allen. Wenn man das erkennt, dann kann man sich frühzeitig um seine berufliche Rolle und das, wohin man sich zukünftig entwickeln möchte, kümmern. Ich fand es gut, dass jemand das in dieser Deutlichkeit nicht nur sagt, sondern auch erklärt, und zwar so, dass plötzlich der Blick auf diese Dinge ganz klar wird. Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht!

 

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