Foto: Thinkstock / Vadmary
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Investigation

Rätsel oder Geheimnis?

Entscheidungen werden getroffen, richtig oder falsch, gesetzestreu oder gesetzwidrig, wobei letztere eine größte Beachtung erfahren, sowohl in der Öffentlichkeit, als auch im Unternehmen. Dann kommt irgendwann der Punkt, an dem die Compliance die Ursachen feststellen und dazu beitragen soll, begangene Fehler zukünftig zu vermeiden. Die Schuldigen zu ermitteln ist nicht selten unausgesprochenes Nebenziel, wenn diese nicht bereits ohnehin identifiziert von ihren Positionen entfernt wurde. Aber gibt es sie wirklich? Den oder die Verantwortlichen die schlicht falsch entschieden haben?

Um dies festzustellen lohnt es sich während der Untersuchung eine grundsätzliche Frage im Hintergrund zu behalten deren Beantwortung entscheidenden Einfluss auf die weiteren Schritte und letztlich das Untersuchungsergebnis hat: War ein Rätsel oder ein Geheimnis Ursache des Misserfolges? Diese zentrale Unterscheidung trifft Malcolm Gladwell in seinem Text: „Offene Geheimnisse

Der Aufenthaltsort eines Top Terroristen, die jahrelange Suche nach Osama bin Laden sind Rätsel. Der Betroffene wird nicht gefunden, weil nicht ausreichend Informationen vorliegen. Mit jeder zusätzlichen Information erhöht sich die Wahrscheinlichkeit erfolgreich zu sein. Die Kenntnis des Landes hilft weiter, mit dem Wissen um die Stadt steigt die Erfolgswahrscheinlichkeit an, während die Straßenangabe meistens ausreicht um den Aufenthaltsort zu finden.

Anders verhält sich die Frage, was beispielsweise in Syrien in der Zukunft passieren wird, aber auch wie sich Griechenland wirtschaftlich entwickelt. Das Lösen von Geheimnissen fordert Urteile und Einschätzungen von ungewissen Faktoren, das Problem sind nicht zu wenige, sondern zu viele Informationen.

Eine vergleichbare Entwicklung lässt sich bei den Geheimdiensten feststellen. Im Kalten Krieg galt es Rätsel zu lösen. Wie viele Panzer hat die Gegenseite, wo sind die Atomraketen stationiert, wie sehen die Einsatzpläne aus. Beim heutigen Kampf gegen den internationalen Terrorismus gilt es Geheimnisse zu lösen. Nicht nur die amerikanische NSA besitzt Informationen im Übermaß ohne damit alle Fragen klären und alle Probleme lösen zu können.

Mit der Beantwortung der entscheidenden Frage ist grundsätzlich geklärt, wie zukünftig vergleichbare Projekte erfolgreich werden. Bei einem Rätsel werden mehr und bessere Informationen zu einer Lösung führen. Es können Verantwortliche identifiziert werden, welche notwendige Informationen nicht gewonnen, zurückgehalten oder nicht weitergegeben haben.

Bei einem Geheimnis ist ganze Angelegenheit undurchdringlicher, Informationen lagen vor, viele, vielleicht zu viele. Wichtig ist eine bessere Auswertung durch intelligente, skeptische Mitarbeiter. Es gilt zukünftig alle Informationsträger zusammenbringen um Informationen auszutauschen und daraus ein Gesamtbild abzuleiten, ohne Mängel und Schwächen der Einschätzung zu vertuschen.

Unternehmensleitung und Öffentlichkeit setzen bei einem Fehlverhalten rasch ein Rätsel als Ursache voraus. Eine Begründung dafür ist für jeden Einzelfall schnell gefunden – allerdings nur im Nachhinein. Es gibt den oder die Schuldigen, welche die Compliance zu identifizieren hat. Die Sanktionierung erfolgt auf dem Fuße, dass Problem erschient gelöst, bis zum nächsten Fall…

Die Compliance orientiert sich bei ihren Untersuchungen meistens an der Rätselhypothese. Mittels entsprechender Prüfsoftware können heute mehr und mehr Daten ausgewertet werden. Wer lange und intensiv sucht wird Belege – selten Beweise – für ein Rätsel finden. So lässt sich – im Nachhinein – immer begründen, warum eine bestimmte Person oder Institution einen verhängnisvollen, unentschuldbaren Fehler beging. Zahlreiche Arbeiten über öffentlichkeitswirksame Fehler führen dies aus, ob Pearl Harbour, der Jom Kippur Krieg oder der 11. September, hätten einzelne die vorhandenen Informationen aufgegriffen und richtig gehandelt, wären die tragischen Geschehnisse vermeidbar gewesen. Ähnlich verhält es sich in Unternehmen, wenn auch die Diskussionen intern verlaufen.

Sicherlich kann es sich bei dem Misserfolg um ein Rätsel handeln, welches gelöst werden konnte. Bei aller Intensität der Untersuchungen um das Rätsel zu lösen, gilt es nicht zu vernachlässigen, dass es sich eben auch ein Geheimnis vorliegen konnte. Dabei wird die Compliance nicht in der Gegenwart verharren und das Problem als Vergangenheit betrachten, sondern versuchen, sich in die Situation der Entscheider zum damaligen Zeitpunkt zu versetzen.

Bei einem Rätsel gilt es den Verursacher zu finden und zukünftige Fehlentscheidungen zu vermeiden. Hierbei steht die Compliance durchaus in der Pflicht die Umsetzung entsprechender Maßnahmen zu begleiten. Das mehrfache Versagen durch vergleichbare Fehler darf Unternehmen nicht geschehen, wenn diese fortbestehen sollen.

Lässt sich die Frage des Misserfolges jedoch nicht einfach beantworten, kann kein Schuldiger „präsentiert“ werden, darf die Compliance nicht in den Fehler verfallen schlicht die Anstrengung weiter zu steigern, die Suche zu intensivieren um letztlich doch einen „Delinquenten“ zu präsentieren. Zu einem gewissen Punkt der Untersuchung ist es hilfreich zu erwägen, ob nicht ein Geheimnis vorlag.

Bei einem Geheimnis sollte die Liste der Kandidaten nochmals durchgegangen und die „Schuld“ auf mehrere Schultern verteilt werden. Zur Gewinnung eines abwägenden Urteils bedarf es in der Compliance verschiedener Typen. „Rationale Analysten“ sind für die Aufarbeitung von Rätsel prädestinierte, während „kreative Spinner“ Geheimnisse aufdecken.

Die präsentierte und im Unternehmen kommunizierte Lösung strahlt auf das zukünftige Verhalten der Mitarbeiter aus. Vermittelt die Compliance die Einschätzung, dass es sich bei der Fehlentscheidung um ein Rätsel handelte hat, werden zukünftig noch mehr Daten gesammelt, analysiert und im stillen Kämmerlein ausgewertet und möglichst weit verteilt, um das Rätsel zu lösen. Wird dagegen vermittelt, dass ein Geheimnis nicht gelöst wurde, ist das zukünftige Verhalten anders. Lösungen werden gemeinsam gesucht, Alternativen lebendig diskutiert, Meinungen anderer nicht unterdrückt sondern zugelassen. Dabei wird das Wissen, dass es keine Gewissheit offen angesprochen. Dann können schon kleine Abweichungen von Soll Verhalten kommuniziert werden, um bei Bedarf rechtzeitig die Reißleine zu ziehen, immer mit dem Wissen, dass bei einem möglichen Scheitern nicht Schuldige ermittelt und bestraft werden, sondern die Kommunikation verstärkt und der Zusammenhalt, dass gemeinsame Finden und Umsetzen von Entscheidungen weiter verbessert werden, werden müssen.

Letzter Mosaikstein ist die Leitung der Compliance, welche der Unternehmensleitung erläutert, warum es sich beim untersuchten Sachverhalt um ein Geheimnis handelte. Dass diese Einschätzung oft größeren Diskussionsbedarf nach sich zieht, als die bisher übliche „Rätselprämisse“ ist kaum vermeidbar, zumal die einfache Rätsellösung – Entfernung der Verantwortlichen aus der Position – eben nicht greift. Der Weg zur zukünftigen Lösung von Geheimnissen ist komplexer, in einer komplexer werdenden Welt aber eine Kernkompetenz von Unternehmen, womit auch eines klar sein muss: vergleichbare Situation lassen sich nie vollständig vermeiden, wenn auch die Untersuchungsergebnisse der Compliance einen Weg weisen können.

 

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