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Wie schult Siemens seine Compliance Officer? (c) Thinkstock/neyro2008
Ein Unternehmensbeispiel, Teil 2/4

Compliance-Pädagogik bei Siemens

Die Compliance-Abteilung bei Siemens setzt derzeit das Thema Aus- und Weiterbildung von Compliance Officern neu auf. Das Projekt mit dem Namen „Excellent Compliance Professionals@Siemens“ soll bis Ende 2015 stehen. „Gelenkt von einem multidisziplinären Steering Committee, in dem unser Chief Compliance Officer als Chair, der Chef unseres Learning Campus sowie zwei weitere hochrangige Manager mit Stabs- und operativer Geschäftsverantwortung vertreten sind, wollen wir die Entwicklung von Compliance auf ein neues Level setzen und unsere Compliance-Mitarbeiter zur Exzellenz führen“, erzählt Joachim Brunner, Compliance Officer Energy bei Siemens und Verantwortlicher dieses Projektes.

Individuelle Förderung steht im Mittelpunkt

Die Ausbildung wird es für neue Compliance Officer geben, aber auch für die Erfahrenen. „Zwei Grundfragen sind dabei leitend. Erstens, wie entwickeln wir intern einen Newcomer zum Professional? Und zweitens, wie halten wir einen Professional auf einem hohen Niveau? Wir wollen bei unseren Compliance Officern Kompetenzen aufbauen, die einer veränderten und sich stetig verändernden Welt angepasst sind“, sagt Brunner. Und mit dem Thema gute Compliance-Pädagogik hat das einiges zu tun: Siemens versucht, die Compliance Officer individuell zu fördern, in dem das jeweilige Wissen und die Fähigkeiten analysiert und spezifisch weiterentwickelt werden. „Auf der Grundlage von internem Wissen, externen Erkenntnissen und unseren Erfahrungen definieren wir Kompetenzen, die morgen relevant sind. Wir schauen uns an, in welcher Ausprägung brauchen wir welches Wissen, in welchem Umfang und wo. Und dann überlegen wir, wie wir die Lücken schließen“, erzählt Brunner.

Train-the-Trainer

Somit ist nicht jeder Compliance Officer ein Allround-Talent. Ein hervorragender Jurist muss nicht unbedingt als Trainer brillieren. Deswegen sollte man wenig erfahrene Mitarbeiter nicht ohne spezifische Qualifizierung als Trainer agieren lassen – dies könnte auch schaden. „Eine umfassende Qualifizierung unserer Compliance Officer ist wichtig, damit sie das facettenreiche Rollenbild „Expert-Facilitator-Guardian“ mit Leben erfüllen können“, so Brunner.

Sonja Costabel, Legal & Compliance Global Functions, ist im Projekt ein Sparringspartner von Joachim Brunner und sorgt dafür, dass sowohl die Compliance-Trainings als auch die „Compliance Train-the-Trainer“- Schulungen auf einer soliden psychologischen und pädagogischen Basis stehen. „In unseren Train- the-Trainer Schulungen geht es zum Beispiel darum, dass die Teilnehmer verstehen, was der grundlegende Unterschied zwischen einer Präsentation und einer Schulung ist“, erzählt Costabel. „Es ist falsch zu denken, wenn man eine Power-Point-Präsentation abspult und dazu etwas erzählt, wäre das ein Training.“ Wie eine ideale Schulung aussehen soll, dazu gibt es Erfahrungswerte. So bestätigt Costabel: „Die Darstellung von Compliance-Inhalten sollte sinnvoll strukturiert und möglichst eng mit dem Arbeitsalltag der Teilnehmer verknüpft sein. Das aktive Einbinden der Teilnehmer mithilfe realitätsnaher Übungen ist wichtig zur Verankerung des Gelernten.“ Auch rät sie, nicht sofort nach der Begrüßung mit den fachlichen Inhalten zu beginnen. „Verpflichtende Trainings – dazu gehören auch Compliance-Trainings – lösen bei vielen Mitarbeitern Abwehrreaktionen aus, da sie gezwungen werden, sich dafür Zeit zu nehmen. Viele erfahrene Trainer erklären den Schulungsteilnehmern zuerst, warum die Schulung wichtig ist. Auch hier am besten unterschiedliche Sinneskanäle nutzen“, so Costabel.

Voneinander lernen

Auf die Aktivierung der Teilnehmer wird ein besonderer Wert gelegt. Costabel: „Wir behalten nur 10 Prozent von dem, was wir lesen, 20 Prozent von dem, was wir hören und 30 Prozent von dem, was wir sehen. Wenn zum Beispiel die Sinnesreize Hören und Sehen kombiniert werden, dann sind wir bei 50 Prozent. Und von dem, was wir selbst tun, kann der Mensch 90 Prozent behalten. Arbeitet man auf dieser wissenschaftlichen Grundlage, dann versteht man, warum die Aktivierung so wichtig ist. Dazu gehört, dass die Teilnehmer die Trainingsinhalte selbst erarbeiten und voneinander lernen sollen. Auch die Diskussion ist wichtig.“

Der Compliance Officer sollte den Trainingsablauf für die Teilnehmer strukturieren. „Am einfachsten kann man die Trainingsagenda auf einem Flipchart oder einer Pinnwand im Schulungsraum darstellen, so dass sie während der gesamten Zeit einsehbar ist“, rät Costabel. Das menschliche Gehirn reagiert auf Farben und Formen besonders gut. Daher sollte man zum Beispiel thematisch zusammengehörige Inhalte mit gleichen Farben versehen und in gleicher Form darstellen. Daneben hat es viele Vorteile, die Schulungsinhalte für die Teilnehmer nachvollziehbar zu strukturieren. „Unsere Trainer erläutern zu Beginn der Schulung, was die Ziele und Inhalte sind, wie sie vorgehen werden und wie lange die Trainingseinheiten ungefähr dauern werden. Das hilft den Schulungsteilnehmern, die einzelnen Module als zusammengehöriges Ganzes wahrzunehmen.“

Wiederholungen sind nützlich

Welchen Nutzen die dritte Voraussetzung – die Wiederholung – für eine erfolgreiche Schulung hat, weiß jeder aus eigener Erfahrung. „Der Trainer sollte am Ende jeder Einheit den Lernstoff in Kernbotschaften zusammenfassen oder, um auch hier zu aktivieren, diese von den Teilnehmern zusammenfassen lassen. Zum Abschluss des Trainings kann man zum Beispiel die Anwesenden bitten, ihre Highlights der Schulung zu nennen“, sagt Costabel. Daran kann der Trainer erkennen, ob die Botschaften, die er vermitteln wollte, bei der Zielgruppe angekommen sind.

Lernen von Siemens

Übung zum Einstieg
Zum Einstieg in das Training ist es wichtig, den Teilnehmern die Bedeutung von Compliance und deren Relevanz im Arbeitsalltag zu vermitteln. Dazu werden die Schulungsteilnehmer in Kleingruppen aufgeteilt und erhalten einen Set Compliance-Risikokarten. Darauf sind Alltagssituationen beschrieben, die in Verbindung mit einem Compliance-Risiko stehen. Dazu gibt es noch Karten, die Funktionen im Unternehmen aufzeigen, beispielsweise Einkauf, Vertrieb und Projektmanagement. Die Teilnehmer haben dann die Aufgabe, die Risikokarten den Funktionen zuzuordnen und daraus eine Art Compliance-Risikolandkarte zu erarbeiten.

Wirkung: Damit werden die Teilnehmer vom Trainer aktiv einbezogen, und setzen sich gedanklich mit den Compliance-Risiken in ihrer eigenen Funktion auseinander. Durch die Interaktion in der Gruppe lernen sich die Teilnehmer untereinander kennen. Compliance wird begreifbar gemacht, da die Karten strukturiert werden müssen. Im Ergebnis resultiert die Übung in einen Gesamtüberblick über alle wesentlichen Compliance-Risiken für das Unternehmen.

Übung zur Verknüpfung und Vertiefung
Die Vermittlung von Richtlinien in einer Compliance-Schulung wird in der Regel als trockener Stoff wahrgenommen, der für die Teilnehmer schwer verständlich ist. Freude am Lernen ist jedoch essenziell für den Lernerfolg. Hier ist es hilfreich, wenn ein erfahrener Compliance Officer als Trainer aus dem Nähkästchen plaudert und aktuelle Compliance-Probleme und -Vorkommnisse in anonymisierter Form an die Schulungsteilnehmer weitergibt. Im nächsten Schritt können eine Reihe von prägnant formulierten, praxisnahen Fallbeispielen in Kleingruppen oder im Plenum diskutiert werden wobei sich die Teilnehmer damit auseinandersetzen müssen, wie sie sich in der jeweiligen Dilemmasituation regelkonform verhalten können. Der Trainer steht den Teilnehmern mit Ratschlägen zur Seite und fasst die Lösung zusammen.

Wirkung: Das Verständnis für die Richtlinien wird durch die Verknüpfung mit der Umsetzung im Arbeitsalltag geschaffen. Die Diskussion der Fallbeispiele ermöglicht es den Teilnehmern, die Risiken in verschiedenen Situationen zu erkennen und ein Grundverständnis für die richtige Vorgehensweise zu entwickeln, auf das jeder einzelne Teilnehmer im „Ernstfall“ zurückgreifen kann.

Übung zum Abschluss
Zwecks Zusammenfassung und Abschluss des Trainings sollen die Teilnehmer mit jeweils einem einzelnen Schlüsselwort die für sie wichtigste Erkenntnis aus der Schulung wiedergeben. Der Trainer notiert alle Wörter auf einem Flipchart.

Wirkung: Dadurch, dass die Schlüsselwörter im Plenum gesammelt werden, werden die Schulungsinhalte für die gesamte Gruppe wiederholt. In diesem Zusammenhang auftretende Fragen können beantwortet werden und idealerweise nimmt jeder einzelne Teilnehmer ein Gefühl der Sicherheit im Umgang mit Compliance-Themen aus der Schulung mit.

Lesen Sie  im dritten Teil unserer Serie "Compliance-Pädagogik", wie Daimler seine Compliance-Officers aus- und weiterbildet.

 

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