Foto: Quadriga Media / Laurin Schmid (www.laurin-schmid.com)
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Kongressbericht

Sind wir eine Schimäre oder doch nicht?

Es ist der 16. November 2016, draußen bedeckter Himmel, drinnen vertraute Räume – denn auch dieses Jahr findet unser Compliance-Management-Kongress im Ellington Hotel statt (nächstes Jahr übrigens auch). Wer also noch 2015 etwas durch die Hallen, Etagen und Korridore irren musste, um seinen Vortragsraum zu finden, weiß jetzt ganz genau, wo er hinmuss.

Der Dialog

Thematischer Fokus unseres Kongresses war dieses Mal der Dialog. Von langer Hand vorbereitet, wurde dieses Thema mit Bedacht gewählt: Kommunizieren können ist schließlich für die Arbeit der Compliance Officer zentral. Aber das Wort „Dialog“ sollte auch daran erinnern, dass es eben nicht nur eine Seite in einem Gespräch gibt; man tauscht aus, man hört zu. Compliance-Kommunikation ist keine Radioübertragung, wo am Ende dem Nachrichtenempfänger lediglich die stumme Informationsaufnahme bleibt.

Insgesamt 13 Referenten tragen an den beiden Tagen alleine zu diesem Kernthema, dem Dialog, vor. Mich persönlich überraschte die Vielfalt der innerhalb dieses Schwerpunktes angebotenen Vorträge. Natürlich gab es gleich mehrere „Best Cases“ von Praktikern, die berichten, wie sie die Kommunikation zwischen bestimmten Fachbereichen ihres Unternehmens gestaltet hatten. Aber solche Vorträge, wie zum Beispiel „Wie man Schulungen wertschätzend und inspirierend durchführt“ (Julia Bach, Airbus Operations), schauen auf bestimmte Dinge dann doch von einer anderen Blickrichtung. Zu den Vorträgen mit einer bewusst anders gewählten Sichtweise zählen beispielsweise auch „Wohin entwickelt sich aktuell die Rolle des Compliance Officers?“ (Alexander Ghazvinian, APM Terminals, und Dr. Gisa Ortwein, Norma Group) oder „Wie lässt sich erfolgreiche Compliance-Arbeit messen?“ (Clemens von Stockert, Fraport).

Gleich mehrere Vorträge haben sich mit dem Zusammenhang zwischen Unternehmenskultur, Ethik und Kommunikation befasst. So hat zum Beispiel der renommierte Ethik-Professor Dr. Andreas Suchanek von der HHL Leipzig Graduate School of Management über die „Berechtigte[n] und unberechtigte[n] Erwartungen von Anspruchsgruppen“ referiert und erklärt, wie man mit den Erwartungen der Stakeholder umgehen und die Dialoge am besten gestalten sollte. Und Peter Dago von Got Ethics hat eine mögliche Lösung aufgezeigt, wie man seine Mitarbeiter zu mehr Engagement bei den Compliance-Programmen bringen könnte. Hartwin Möhrle machte den Zuhörern in seinem Vortrag „Corporate Integrity als kommunikatives Leitbild“ klar, dass es einen Wandel von der Legal Compliance zum Integrity Management geben muss, was wiederum zu einer neuen Dimension kommunikativer Vermittlung und Verankerung führen würde. Wenn man sich also anschaut, welche Sichtweisen es alleine auf das Thema Compliance-Kommunikation geben kann, wird klar, wie komplex dieses Thema ist. Jeder konnte daher den einen oder anderen nützlichen Gedanken mit nach Hause nehmen.

Natürlich gab es – wie jedes Jahr – zwei weitere Themenfelder: erstens den Branchenfokus – hier hatten wir Banken-Compliance und die Gesundheitsbranche. Und zweitens den Strang, bei dem die klassisch rechtlichen Aspekte betrachtet werden, wie zum Beispiel die Themen Antikorruption, Kartellrecht, Strafrecht, IT-Compliance, angemessener Umgang mit Compliance-Risiken und viele andere. Und wir haben einen Einblick darin bekommen, wie man bei den Start-ups mit Corporate Compliance umgeht.

Neues aus der Mitgliederversammlung

Noch bevor wir uns alle beim Galadinner zurücklehnen, uns ungezwungen unterhalten und das Essen genießen konnten, ging es zur Mitgliederversammlung. Wie üblich gab es zunächst einen Bericht darüber, was sich im Verband das ganze Jahr über getan hat und was in Planung ist. Mirko Haase, der Präsident unseres BCM, berichtete über die sehr positive Mitgliederentwicklung seit der Gründung des BCM im Jahr 2013. So hatten wir am 16. November 2016 insgesamt 820 Mitglieder. Die meisten Mitglieder werden aufgrund der positiven Empfehlung ihrer Kollegen auf den BCM aufmerksam, so die 1. Vizepräsidentin Cornelia Koch und Dr. Tobias Brouwer, Beisitzer des BCM-Präsidiums. Aber auch die Internetrecherche oder die positive Erfahrung auf einer der BCM-Veranstaltungen sind Gründe, warum Compliance Manager Mitglied im BCM werden.

Was gab es noch an Neuigkeiten? Zunächst wäre da die neu erschienene Berufsfeldstudie, bei der die Teilnehmer neben berufsspezifischen Merkmalen auch zum Thema Compliance-Kommunikation befragt wurden. Diese besprechen wir selbstverständlich ebenfalls in diesem Heft. Und: Am Vorabend des Bundeskongresses fand zum ersten Mal die Prüfung zum „Certified Compliance Manager (BCM)“ statt. Dabei mussten die Prüflinge in einem 90-minütigen Multiple-Choice-Test 60 Fragen zu den wesentlichen Compliance-Feldern beantworten, die von einem Fachbeirat eigens konzipiert und auf Qualität geprüft wurden. Übrigens haben alle fünf Teilnehmer bestanden. Wer sich nächstes Jahr weiterentwickeln möchte, kann die zweite Stufe zum „Certified Senior Compliance Manager (BCM)“ absolvieren.

Weiter gab es auf der Mitgliederversammlung noch eine Neuigkeit, die die Zeitschrift betrifft, die Sie gerade in der Hand halten: Bisher erschien die Fachzeitschrift Compliance Manager viermal im Jahr, wobei sie einmal – am Anfang des Jahres – als Printausgabe herauskam und danach dreimal im E-Reader-Format. Mirko Haase fragte in die Runde, wer bereit wäre, für eine kontinuierliche Printausgabe etwas mehr Geld zu bezahlen. Die Mehrheit der anwesenden Mitglieder meldete sich. Es wird nun so weitergehen, dass der BCM einen Vorschlag zur Finanzierung der Printausgaben machen und den Verbandsmitgliedern unterbreiten wird. Mal sehen, was das Ergebnis sein wird.
Markus Walke, Geschäftsführender Vizepräsident, berichtete über die Regional- und Fachgruppenaktivitäten. Er führte aus, dass dank des Stadtsprecher-Konzepts der BCM nun auch verstärkt in Ballungszentren wie Düsseldorf und Nürnberg vertreten sei. Zu den aktivsten Fachgruppen zählen „Integrated Compliance“, „Compliance-Kommunikation“ und „Healthcare Compliance“. Sie treffen sich regelmäßig in Arbeitsgruppen und in den Web- oder Telefonkonferenzen. Die Fachgruppe „Integrated Compliance“ hat erstmalig eine Servicebroschüre publiziert. Die Fachgruppe „Healthcare Compliance“ arbeitet derzeit an einer gemeinsamen Initiative mit anderen Interessenverbänden. Und übrigens haben wir eine neue Regionalgruppe: „Bremen/Niedersachsen“. Wer da also mitmachen möchte, ist herzlich eingeladen!

Die Preise, die Rede

Gemäß unserer Tradition wurden beim Galadinner die Nachwuchsförderpreise verliehen. Für seine Masterarbeit wurde dieses Mal Björn Klugmann mit dem Preis in der Kategorie „Beste Bachelor- und Masterarbeiten“ ausgezeichnet. Er hat im Sommersemester 2016 an der Rheinischen Fachhochschule Köln als Jahrgangsbester sein Studium „Business Administration M.A.“ abgeschlossen und eine Masterarbeit am Institut für Compliance und Corporate Governance (ICC) mit dem Titel „Compliance-Wirksamkeit: Problematisierung der Informationsverfolgung des Aufsichtsrats durch den Vorstand“ geschrieben. Seine Arbeit basiert auf einer von ihm selbst durchgeführten Umfrage unter den Aufsichtsräten. Darin sollen sie eine Einschätzung abgeben, wie gut sie mit dem Informationsmaterial zum Thema Compliance versorgt werden. 

Dr. Sarah Tischer gewann mit ihrer Dissertation zum Thema „The Interdependencies between Rules, Rule-Breaking and Rule-Following: Corruption and Anti-Corruption in German Firms“ den Nachwuchsförderpreis in der zweiten Preiskategorie „Beste Dissertationen“. Sie hat an der Universität Hamburg promoviert.

Etwas störend war allerdings, dass die anwesenden Kongressteilnehmer der eigentlichen Preisverleihung etwas zu wenig Beachtung als sonst üblich schenkten. Wahrscheinlich weil der Tag so anregend war und man sich so lange nicht gesehen hat. Wir nehmen es so an. Der Vorsitzende Richter des 2. Strafsenates am Bundesgerichtshof, Prof. Dr. Thomas Fischer, der im Anschluss an die Preisverleihung seine Dinner-Rede halten sollte, hat diesen Umstand zu Recht und auf seine unverwechselbare Art und Weise gerügt. Daraufhin herrschte bei seiner Ansprache absolute Stille – die Anwesenden haben brav und andächtig zugehört. Mit einem Richter des Bundesgerichtshofes wollte es sich dann doch keiner verscherzen. Er selbst hielt eine sehr interessante, aber auch eine sehr „dichte“ Rede: Machen wir uns mit der Corporate Compliance bloß etwas vor oder doch nicht? Das ist hier die Frage. Prof. Dr. Fischer betonte: „Eine vollständige Zuverlässigkeit menschlichen Verhaltens ist nicht möglich“ und im Wirtschaftsleben sei es auch nicht immer wünschenswert, den Zustand der absoluten Zuverlässigkeit erreichen zu wollen. Prof. Dr. Fischer verglich es mit der Bekämpfung des Terrorismus und der Geldwäsche und stellte daher die provokative Frage, ob diese am Ende gerade aus der Idee und der Struktur ihrer Bekämpfung heraus entstehen. Dann wäre Compliance eine „Schimäre“. „Eigenverantwortung und Freiraum, Kontrolle und Sanktion sind zwei Ebenen, die sich nicht ohne Konflikte, Reibungsverluste und Enttäuschungen vereinbaren lassen.“ Und genau darüber zerbricht sich seit Jahren so mancher Compliance Officer den Kopf. Und weil wir denken, einige der Anwesenden würden gerne die Rede von Prof. Dr. Fischer nochmals in Ruhe durchgehen, haben wir ihn gebeten, diese hier im Heft zu veröffentlichen. Schauen Sie dazu im Anschluss an diesen Kongressbericht.

Nun, schön war’s! Nächstes Jahr sehen wir uns wieder im November, wieder im Ellington Hotel! Und wenn Sie die Besprechung eines konkreten Themas auf dem Kongress vermisst haben oder andere Wünsche rund um den Kongress haben – melden Sie sich bitte. Schließlich wollen wir, dass unser Kongress relevant bleibt.

 

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